Wir leben in einer Zeit, in der die alten Werte nicht mehr vorhanden sind. Umsonst suchen wir nach einem Gut, das man früher als Glück bezeichnete und trotz aller Errungenschaften der modernen Zivilisation bleiben wir letztendlich allein, einsam und unglücklich zurück. "Vor dem Krieg hatten wir ein schweres Leben", erzählt Mutter Oparnik aus Predtrg, "aber trotz Armut fühlten wir uns glücklich. Auch wenn der Tag noch so schwer und anstrengend war, sangen die Jungen abends im Dorf ihre Lieder. All dies gibt es längst nicht mehr."
Wer würde sich wohl mehr nach der einstigen Ruhe und Friedlichkeit des Dorflebens sehnen, als ein sensibler Maler, der seine Jugend auf dem Lande verbracht hat und als Kind seinen Grossvater von Dorf zu Dorf begleitete, um Wagenschmiere zu verkaufen. Auf diese Weise lernte der spätere Künstler Land und Leute kennen, deren Sitten und Gewohnheiten, er hatte sie ins Herz geschlossen und behielt sie für immer in seinem Gedächtnis.
Dörfer mit Strohdächern, Dachgeschossen aus Holz, kleinen Fenstern in hellgetünchten Fassaden gibt es heute nicht mehr. Sie verschwanden, so wie zahlreiche Eigenheiten des döflichen Lebens: gemalte Votivtafeln, bunte Bienenstöcke, hölzerne Becken, in denen das Wasser plätscherte, alte bäuerliche Gerätschaften, Pferd und Wagen und leider auch viele Gewohnheiten und Bräuche. Polde Mihelič zaubert uns über seine kindliche Fantasie ein solches Dorf zurück, wobei er nicht vergisst, das einst so bunte Leben darin zu beschreiben. Den Mittelpunkt des Geschehens bilden enganeinanderliegende Häuser aus Mauerstein und hölzernen Dachfirsten, mit steilen, schneebedeckten Dächern, kleinen Fenstern in Wänden, die hier und da von gestapeltem Feuerholz verdeckt sind, sowie halbrunde Hauseingänge, die sich in der Mitte der Häuserfront befinden. Durch das an einem Hügel gelegene Dorf schlängelt sich ein Weg, der zur Kirche führt, wo das Bild im Gehölz und einem schmalen Himmelsstreifen seinen Abschluss findet. Auch die Dorfbewohner bezieht der Maler in diese eindrucksvolle und in sich geschlossene Komposition mit ein. Nach alter Sitte gekleidete Menschen vom Lande, eingehüllt in Wolltücher und farbenfrohe Kopftücher, Tagelöhner mit ihren Frauen, Wandervolk, Dorftratschen, Jungverliebte und einige von Geburt an gezeichnete Sonderlinge, alle sind vertreten. Vor uns entstehen, ähnlich wie bei Bruegel, bewegte Szenen des dörflichen Jahrmarkts und andere, für das Landleben typische und an die Jahreszeit gebundene Ereignisse. Die häufig absichtlich karikierten Gesichter der Figuren erinnern an niederländische Maler dieses Genres aus dem 16. und 17. Jahrhundert.
Die Malerei Miheličs ist auf den ersten Blick der Folkloremalerei von Gaspari sehr ähnlich. Jedoch während Maksim Gaspari als Maler ein aufmerksamer Beobachter ist und häufig auf fast dokumentarische Art und Weise alte Sitten und Lebensgewohnheiten der Dorfbewohner, wenn auch in idealisierter Form, widergibt, ist Mihelič in seiner Gestaltung eher persönlich und in sich gekehrt. Seine Malerei wächst aus einer nostalgischen Erinnerung an, wie er selbst sagt, die schönste Zeit seines Lebens und stellt gleichzeitig den Versuch dar, seine kindliche Euphorie, das Gefühl des Glücks, das sich dem Maler jedoch immer wieder entzieht, neu zu schaffen und zu erleben. Wenn es ihm jedoch gelingt, nur einen kleinen Teil der einst erfahrenen Erlebnisse auf die Leinwand zu zaubern, so fühlt er seine Sehnsucht gestillt. Man kann jetzt verstehen, wenn der Maler einige seiner Werke nicht aus der Hand geben will und wenn er gezwungen war, sie zu verkaufen, kam es vor, dass er sie manchmal für einen höhren Preis zurückkaufte. Dieses unaufhörliche Suchen nach dem verlorenen Glück sollte ihn von seiner Einsamkeit befreien, die ihn beängstigte, wie er in einem seiner Gedichte schreibt, diese Sehnsucht nach Glück gehört zu den Hauptmotiven seiner Malerei. Und da die Erinnerung Monotonie gewöhnlich zu farbenfrohen Bildern werden lässt, Armut zu Reichtum und Mittelmässigkeit zu Einmaligkeit, sind auch Miheličs Werke dementsprechend. Sie sind viel zu schön für ein dörfliches Milieu, das oft von Unordnung gekennzeichnet war, idealisiert in der Gestaltung der Dorfbewohner, unwirklich in ihrem vertikal konzipierten Aufbau. Aber gerade durch die aufrechte Komposition ist der starke, aber nie in Erfüllung gehende Wunsch des Malers zu erkennen, genau wie bei anderer Gelegenheit die schmalen aufrecht gehaltenen Rahmen, denen sich der Maler von Zeit zu Zeit bedient, um seine Bilder einzuzwängen, seine Bedrücktheit, Unruhe und Angst zum Ausdruck zu bringen. Schon Janez Mesesnel machte auf diese und ähnliche äusserst expressiv gefärbten Bestandteile in Miheličs Malerei aufmerksam. Ein dunkel gefärbter Himmel, "sprechende Bäume" und verdecktes Licht erzeugen in einigen Werken des Künstlers eine baladenhafte Stimmung, die bereits in einer von Damir Globočnik verfassten Umschreibung der Werke Miheličs festgestellt wurden. Zu den typischsten Kompositionen dieser Art gehört wohl das Bild der "bösen Ahnungen".
Polde Mihelič wurde oft zu den Vertretern der naiven Malerei gezählt, dem jedoch zum Teil oder gänzlich von Kunstkritikern wie Janez Mesesnel, Aleksander Bassin, Andrej Pavlovec oder Damir Globočnik widersprochen wurde. Seinen gestalterischen Eigenheiten nach erinnert Polde Mihelič tatsächlich an die naiven Maler, deren Art der Gestaltung er sich näherte, weil sie vom Inhalt her am zutreffendsten war. Aber als geschulter Maler hat er sich längst von der autodidaktischen naiven Malerei distanziert. Die für die naive Malerei so typischen gestalterischen Deformationen, die man hier und da in Miheličs Kompositionen antrifft, dürfen nicht, wie schon von Andrej Pavlovec beschrieben, als Resultat einer fehlenden Maltechnik betrachtet werden, sondern als bewusste, inhaltlich begründete künstlerische Ausdruckweise.
Die Bilder von Polde Mihelič sind keine mehr oder weniger religiöse Aufzeichnung unserer volkskundlichen Werte, wie z.B. bei Maksim Gaspari, sondern eine bewusst naive Vereinfachung und der Stimmung nach etwas romantisch verfärbte Erinnerung an eine glückliche Vergangenheit, die irgendwann einmal verloren gegangen ist und die der Künstler mit jedem Bild aufs Neue zurückzurufen versucht.
Dr. Cene Avguštin
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Linda Čenčič
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